Digitales Lernen

Lehrer wird vom Frontal-Vermittler zum Lern-Coach

Wie neue digitale Lernformen Schüler und Schule voranbringen.

Die Digitalisierung ist voll im Gange - auch in der Schule? Stefan Schmidt, führender Experte für neue digitale Lernformen, meint: "Diese Herausforderung kommt auf uns zu. Digitale Medien verbessern das Lernen!"

Wie kann man die Bildung zu 100% digitalisieren? Das wäre die völlig falsche Frage, erklärte Dienstagabend Stefan Schmid, der Leiter der "Virtuellen Pädagogischen Hochschule" und Österreichs führender Experte für digitales Lernen, im "Talk im Talente-Check" von WKS und dem Österreichischen Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung (ÖZBF).Denn der Einsatz der unterschiedlichsten digitalen Lernformen sei jeweils situationsabhängig zu klären. Lehrer werde es jedenfalls weiterhin geben,  versichert Schmid: „Es braucht kein Schwarz-Weiß-Denken in dieser Frage, sondern einen optimalen Mix“.  

Es werde sich allerdings die Rolle des Lehrers stark wandeln, ist Schmid überzeugt, der im Auftrag des Bildungsministeriums als Trendscout für digitale Bildungsinnovationen unterwegs ist: „Werden digitale Unterrichtsformen eingesetzt, könnte der Lehrer mehr vom Wissensvermittler zum Lern-Coach werden.“

Schmid illustrierte den bevorstehenden Wandel in den Bildungsprozessen hin zu einer digital unterlegten neuen Lernkultur anhand des Konzepts von „flipped classroom/flipped learning“, das von ihm in Österreich mitbegründet wurde. Hier wird die übliche Kette – Lehrer doziert, Schüler hören zu und machen dann zuhause Hausaufgaben – umgedreht.

Wertvolle Unterrichtszeit wird besser genutzt

Am Beginn steht das Erklär-Video samt Begleitaufgaben. Die werden zuhause abgearbeitet, im Unterricht wird dann gemeinsam geübt und vertieft. Das bedeutet mehr Coaching-Zeit im Unterricht und mehr Möglichkeiten, individuell auf die Schüler einzugehen. Das ermöglicht schlechteren Schülern, den Stoff mehrfach per Video anzuschauen, die verzögernde "Gleichschritt-Pädagogik" im Klassenzimmer wird zurückgedrängt, das Arbeiten in der Klasse wird lösungsorientierter. Stefan Schmid fasst die Vorteile zusammen:

  • Individuelles, personalisiertes Lernen wird möglich
  • Erweiterung von Raum und Zeit: die Schulstunde endet nicht nach der Einheit.
  • Optimale Nutzung der gemeinsamen Zeit von Lehrern und Schülern.
  • Sinnvolles Nutzen der Digitalisierung

Erste Erfahrungen mit dem "flipped Classroom"-Konzept sind gut: Neun von zehn Schülern schätzen diese Lernformen und möchten sie beibehalten. 

 

Von Mobile Learning bis Virtual Reality

E-Learning ist mittlerweile zu einem breiten Innovationsfeld geworden, das sich rapide weiterentwickelt. Die Trendpalette reicht von Mobile Learning (derzeit Umsatzbringer Nummer Eins) über den Einsatz vor Wearables in Lernprozessen (Seamless learning), On-Demand-Zugriff auf Lerninhalte, Micro-Learning (die Aufteilung des Lernstoffes auf kleinste Einheiten), bis zur Verwendung von Spielelementen (Game based Learning), Augmented Reality und demnächst immer stärker Virtual Reality (Immersive Learning). Ein riesiges und erfolgreiches Feld sind die MOOCs („Massive Open Online Courses“) auch für kollaboratives Lernen, das individualisierte Lernen durch Einsatz von digitalen Medien – und nicht zuletzt Big Data bei der Analyse der Ergebnisse.

Hängt Österreich bei der Digitalisierung in Klassenzimmer hinten nach? „Keinesfalls“ versichert Schmid. Die Schulen seien mittlerweile technisch besser aufgestellt, wenngleich noch auf unterschiedlichem Niveau. Wichtiger als die Hardware sei aber oft eine bessere WLAN-Anbindung. Nicht schlecht sei Österreich auch bei den digitalen Skills für die Lehrer unterwegs. Immerhin nutzt jeder vierte Lehrer in Österreich die „Virtuelle pädagogische Hochschule“. Deren Aufgabe ist die Weiterbildung für Lehrende über digitalen Lernformen – und das mit digitalen Mitteln. Im Auftrag des Bildungsministeriums sichten Stefan Schmid sein Team weltweit neue Entwicklungen und machen sie für die Lehrenden nutzbar – etwa in Form von virtuelle Lernumgebungen, Webinaren, „eLectures“, mehrwöchigen Online-Seminaren bis hin zum Einsatz von „Gamification“, also Spielelementen im Lernen.

Und nicht zuletzt wird „Digitale Grundbildung“ (Coding, Medienkompetenz etc.) ab dem kommenden Schuljahr in der Sekundarstufe eingeführt. Stefan Schmid: Wir sind weiter als wir glauben!“

Sein abschließender Tipp für alle Lehrer und Schüler in Zeiten der Digitalisierung: „Wir bereiten uns auf eine Welt vor, die wir nicht (genau) kennen! Bleibt neugierig… und habt keine Angst!“

Zu Stefan Schmid

Stefan Schmid absolvierte ein Diplomstudium der Sozialarbeit im städtischen Raum am FH Campus Wien und ein Bachelorstudium der Informations- und Kommunikationspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Wien. Er ist Hochschullehrer und Vortragender zu eDidaktik, eLearning, digitale Innovationen und Financial Literacy an der PH Wien und an der FH Burgenland. Er hält zahlreiche Vorträge und Projekte für Banken, NPOs und Institutionen. Seit September 2016 ist Stefan Schmid Leiter der Virtuellen Pädagogischen Hochschule.

Zum Talk im Talente-Check

Diese Veranstaltungsreihe betreibt die WKS gemeinsam mit dem mit dem Österreichischen Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung (ÖZBF) - mit dem Ziel, Wissen über Begabungen und besseres Lernen zu verbreiten.