Neue Fähigkeiten in der Ära der Wissensexplosion gefragt

Impulsvortrag von Prof. Dr. Heidrun Stöger

Das Wissen wächst rapide, die Karriereläufe wechseln – die Lernstrategien in der Schule passen da nicht mehr wirklich. Es braucht mehr „selbstreguliertes Lernen“, hieß dazu die Lösung beim „Talk im Talente-Check“.

Zu Zeiten Gutenbergs verdoppelte sich das Wissen noch alle 300 Jahre, heute alle fünf Jahre, bei steigendem Tempo. Mittlerweile wechselt auch die Mehrheit der Menschen im Schnitt einmal bis fünfmal ihre Tätigkeit im Laufe einer Berufskarriere. „Das erfordert andere Lernkompetenzen als früher“, ist Prof. Dr. Heidrun Stöger überzeugt. „Die Menschen müssen heute besser in der Lage sein, sich stets neues Wissen anzueignen“.

Die Begabungsforscherin an der Universität Regensburg informierte beim zweiten „Talk im Talente-Check“ darüber,  was denn nun „selbstreguliertes Lernen“ bedeuten kann. Auf Basis von Forschungsergebnissen und Praxisprojekten an bayerischen Schulen, an denen rd. 1.700 Schüler teilgenommen haben, weiß Stöger sehr genau, was dabei funktioniert und was nicht.

 

"Lernen" beibringen, aber auch das Monitoring

Leider bringen die „Lernen-Lern-Tage“, die fallweise auch an österreichischen Schulen angeboten werden, nur wenig, wie die Forschung ergeben hat. Diese finden zumeist außerhalb des Unterrichts statt, die Strategien für besseres Lernen werden später nicht eingeübt und nicht mit Erfolgserlebnissen verknüpft und von den Schülern schließlich nach wenigen Monaten meist aufgegeben. „Beim selbstregulierten Lernen geht es um mehr als Lernstrategien“, fasste Stöger die umfangreichen Forschungsergebnisse zusammen. „Man hat lange gedacht, dass die bloße Vermittlung der Strategien reicht. Man muss den Kindern aber nicht nur beibringen, wie man lernt, sondern auch das Monitoring dazu.“

 

 

Realistische Ziele setzen – und selbst überwachen

Denn neben den kognitiven Strategien – Tipps und Tricks, wie man sich den Lernstoff besser aufteilt, hierarchisch strukturiert, wiederholt und aneignet – sind „metakognitive“ Strategien entscheidend. Hier geht es darum, dass Schüler lernen, sich selbst besser einzuschätzen und selbst zu „überwachen“. Dazu gehört, sich die richtigen Lernziele auszuwählen. So setzen sich nur rd. 20% der Schüler Lernziele, und diese sind oft zu unrealistisch.

Ebenso werden beim selbstregulierten Lernen die Kinder in die Lage versetzt, selbstständig zu erproben, welche Lernstrategien die besten Ergebnisse bringen. Sitzt etwa der Stoff besser, wenn man für sich lernt, oder wenn man das Gelernte anderen Personen erklärt? Oder wenn man schaut, wie man das Gelernte in das schon vorhandene Wissen integrieren kann? Kann man Ablenkungen am Lernplatz abbauen, da man seine Aufmerksamkeit nicht auf mehrere Dinge gleichzeitig richten kann?

Prof. Dr. Heidrun Stöger ist seit 2007 Inhaberin des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Universität Regensburg. Ihr zentrales Forschungsfeld ist die Hochbegabungsforschung. Besondere Schwerpunkte stellen neben dem Themengebiert "selbstreguliertes Lernen" auch Methoden des "Cyber Mentorings" als Form der Vermittlung von Wissen dar. Stöger hatte Gastprofessuren in Vancouver, Melbourne und Hongkong inne und genießt weltweite Reputation im Bereich der Begabtenforschung. Sie ist Herausgeberin von Fachjournalen und Vizepräsidentin der internationalen Begabungsforschervereinigung.

Talente besser verstehen und besser fördern

Prof. Stöger: „Oft ist es besser, nur wenige Strategien zu vermitteln, diese aber konsequent über einen längeren Zeitraum einzuüben“. Denn selbstreguliertes Lernen muss man nicht nur erproben, sondern auch üben – und mit Erfolgserlebnissen verknüpfen. „Kinder müssen einen Nutzen sehen. Werden die Lernfortschritte sichtbar, ist die Chance größer, dass die Strategien nachhaltig angewandt werden“. Das hat die Forschung auch herausgebracht: „Kinder, die selbstreguliert lernen, sind besser in der Schule, motivierter, langweilen sich weniger und erleben mehr Freunde“.

Der "Talk im Talente-Check“ ist eine gemeinsam von WKS und vom Österreichischen Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung (ÖZBF) ins Leben gerufene Gesprächsreihe, die einen Beitrag dazu leisten will, Begabungen, Talente und Potenziale der jungen Menschen besser zu verstehen – und zu fördern.

Schauplatz der Reihe ist der im Herbst 2015 von der WKS eröffnete Talente-Check Salzburg. In diesen Tagen wurde die Grenze von 10.000 Jugendlichen überschritten, die den Talente-Check-Parcours absolvierten. Mehr als 85% davon nehmen auch die anschließenden Beratungen in Anspruch.